| Tanzlexikon |
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Mittelalter
und Bauchtanz
Originaltitel:
Orientalischer Tanz in Europa
.....oder
ganz spezifisch
gefragt: Was hat Bauchtanz auf mittelalterlichen Festen zu suchen?
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Das Foto
zeigt die Autorin des Textex,
Salma Parvanneh
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Geschichte
und
Ursprung des Bauchtanzes
Der
Bauchtanz ist
eine der ältesten Ausdrucksformen tänzerischen und kultischen
Ursprungs, seine Wiege steht in vorbiblischen Zeiten in Zentralafrika.
Dort wurde er hauptsächlich als Geburts- und Fruchtbarkeitstanz
unter
Frauen praktiziert. Den Weg in den Orient fand der Bauchtanz durch die
Pygmäen. Sie standen im alten Ägypten in so hoher Gunst, dass
ein Pharao sich wünschte, nach seinem Tode den Göttern als
Tanzzwerg
zu gefallen. Alsbald gingen hellhäutige Ägypterinnen bei
dunkelhäutigen
Sklaven und Sklavinnen in die Tanzlehre. Im neuen Reich am Nil.
(1554-1069
v.Chr.) zur Zeit Amenophis IV. bis Echnaton und seiner Gemahlin
Nofretete,
als die großen Tempel von Theben, Karnak und Luxor entstanden,
setzte
sich der Bauchtanz als öffentlicher Schautanz durch.durchsichtige
Gazeschleier, schmale Gürtel, Hals- und Fußringe betonten
eher
die Nacktheit der Tänzerinnen, als dass sie sie
verhüllten.
Von
Ägypten aus
verbreitete sich der Bauchtanz über Asien und Nordafrika bis nach
Spanien und Rom (somit müssten wir eigentlich nicht vom
orientalischen,
sondern auch vom europäischen Bauchtanz sprechen). Ein
Marmorrelief
aus Cadiz zeigt nur mit durchsichtigen Schleiern bekleidete
Negersklavinnen
(sorry für das Wort; es steht in meiner Quelle leider so
geschrieben
und ich habe es übernommen) mit einer Art Kastagnetten und
Rhythmustrommeln
beim Tanz. Das Relief(heute im Thermenmuseum in Rom)stammt aus der Zeit
des römischen Kaisers Hadrian
(117-138
n.Chr.).
Sklaven
waren es
auch, die den typischen Hüftschwung in den
südamerikanischen-karibischen
Raum trugen, woraus sich z.B. Samba und Rumba entwickelte. In den
arabischen
Harems wurde der Bauchtanz von den Frauen aus Freude am eigenen
Körper
und Lust am Tanzen betrieben. In dieser Zeit entwickelte sich „Raks
Sharki“,
wie ihn die Araber selbst nennen, der „Tanz des Ostens“ oder auch
„orientalischer
Tanz“, wie wir ihn richtig übersetzen, am stärksten.
Zu
guter
Letzt eroberte
der orientalische Tanz Clubs und Cabarets, wo er als Attraktion das
große
Publikum nicht mehr ausschloß. Dort erhielt er, u.a. durch die
Amerikaner,
auch seinen jetzigen Namen-Bauchtanz (Bellydance). In den
Ursprungsländern
ist er immer noch als typischer Volkstanz Bestandteil vieler Feste.(1)
Die
aktuellste Weiterentwicklung
ist der sogen. "Tribal Style“,
welcher sich in den U.S.A. entwickelt hat und gekennzeichnet ist durch
orientalischen Tanz in einer großen Gruppe (oftmals um die 10
Frauen
und manchmal auch Männer), die chorförmig auftreten, und sich
1-4 Mitglieder aus der Gruppe lösen und zu mittelschnellem bis
schnellem
Tempo unter Zimbelbegleitung tanzen. Nach, für das Publikum
unsichtbarer, Absprache lösen sich nacheinander Tänzer und
Tänzerinnen
ab. Der Tanzstil ist sehr hüftintensiv. Die Bekleidung wirkt durch
Verwendung von natürlichen Materialien, natürlichen Farben
und
Münzen sowie Berberschmuck und Gesichts- Stammestätowierungen
authentisch. obwohl sie es nicht ist.
Europas
Kontakt mit
dem Orient ist uralt. Schon bei den Römern kannte man das, was wir
heute Bauchtanz nennen. Die Tänzerinnen aus Cadiz waren für
„ihre
bebenden Schenkel und anschmiegsamen Hüften“ bekannt, wie sie der
römische Dichter Ovid begeistert beschrieb. Auch Tänzerinnen
aus Syrien, die mit Kastagnetten und zum Flötenspiel
wollüstige
Bewegungen ausführten, wurden nach Rom geholt. Im
4. Jahrhundert nach Chr. soll allein Rom
3.000 fremde Tänzerinnen beherbergt haben. Wenn man die Zeit
nach Christi Geburt berücksichtigt, wäre es sinnvoll, mit der
Einwanderung der Juden zu beginnen. Diese kamen über den Kaukasus
nach Europa, und zwar bereits im frühen 5.Jahrhundert. Sie
ließen
sich in den größeren Städten (sofern damals vorhanden)
nieder und begannen zumeist eine Karriere als sogen. Schacherer. Gerne
gesehen wurden die Juden leider nicht. Oftmals wird vergessen, dass
Juden
auch Orientalen sind. Was mögen sie wohl mitgebracht haben in ihre
neue Heimat?
711
setzte
der Sarazene Tarik bei der Meerenge von Gibraltar über und
zerschlug
das Westgotenreich. Gibraltar’s Name stammt übrigens von Tarik
(Djebel
al-Tarik= Berg des Tarik).Er errichtete hier das andalusische
bzw.
maurische Reich.
Die
Byzantiner nannten
die Araber Sarazenen nach einem zeltenden Stamm zwischen Syrien und
Ägypten.
Man nannte sie aber auch „Mauren“, nach einem Berberstamm aus
Mauretanien.
Daher stammt auch das Wort „Mohr-Mohren“, abgeleitet von „Mauren“.
Worte aus
der arabischen
Welt wurden gebräuchlich wie z.B. Risiko, Tarif, Magazin, Kanal
usw.
Adam
von
Bremen beschwerte
sich im 11. Jahrhundert
darüber, dass die norddeutschen Frauen mit lasziven
Hüftbewegungen
tanzten, was nicht im Sinne der Kirche war. Am Kap Arkona auf
Rügen
fand man bei Ausgrabungen arabische Silberdirhems, die ca. 1000 Jahre
alt
sind. Sie belegen, was Adam von Bremen sagte, nämlich dass
norddeutsche
Sklaven nach Arabien verkauft wurden. Der Kontakt bestand also.
Schließlich
begannen die Kreuzzüge, welche ja in das heilige Land und somit
durch
und in den Orient führten. Legendär ist die Begegnung
zwischen
Saladin (eigentlich hieß er genau Sultan Jussuf ibn Ajjub
Saladin).Wer
kennt die Geschichte nicht? Entgültig aber wurde der Orient in
Europa
präsent durch den letzten Stauferkaiser
Friedrich II. Mit ihm kamen u.a. auch die
Bauchtänzerinnen auf den europäischen Kontinent. Hierzu
müssen
wir aber ein wenig ausschweifen.......
Friedrich
II. lebte
von 1194-1250 und regierte von 1220-1250.
Sein
Großvater
war der bekannte Barbarossa, seine Eltern Heinrich VI. und Konstanze
von
Sizilien, einer Normannin. Angeblich soll er auf einem Marktplatz in
aller
Öffentlichkeit geboren worden sein. Er hieß zunächst
Konstantin
und wurde später getauft auf den Namen Friedrich Roger. Obwohl er
bereits mit zwei Jahren von den deutschen Herzögen zum König
des Deutschen Reiches und der Normannen gewählt worden war, hielt
man ihm nicht die Treue, und Papst Innozenz III.“vergaß“ihn
einfach.
Mit
drei
Jahren war
Friedrich II. Vollwaise. Er wuchs in den Gassen Palermos auf wie ein
Straßenjunge
zwischen Piraten, Abenteurern, Bettlern, Gauklern, Juden und Arabern.
Er
führte ein Vagabundenleben, von einigen adeligen Bekannten seiner
Eltern mehr schlecht als recht durchgefüttert. Zwischenzeitlich
hatte
man für die deutschen Landen Otto als Regenten gewählt, was
dem
Papst wiederum nicht passte. So besann er sich ganz plötzlich
wieder
auf den legitimen Friedrich II., und erhob den nunmehr 17jährigen
zum Herrscher. Er ließ ihn unterrichten und machte ihn mit seiner
Frau bekannt, die der Papst ihm schon drei Jahre zuvor ausgesucht
hatte.
Diese war Konstanze, 25 Jahre alt, Witwe, und Tochter vom spanischen
König
von Aragon. Friedrich II. verliebte sich tatsächlich in sie und
sie
wohl auch in ihn. Sie gebar ihm seinen Sohn, Heinrich VII.
Auf
seiner „Krönungsreise“
nach Konstanz eroberte er Deutschland im Sturm - ohne Kampf, wie es
seine
Art war (wir lesen später mehr von seiner seltsamen Art der
Kriegsführung).
Ein paar Jahre später ließ er sich(zum 2.Mal) als König
krönen. Bei der Zeremonie trug er einen roten Mantel mit
„merkwürdigem“Muster.
Da stand also Friedrich II. in einer christlichen Kirche, bedeckt mit
einem
roten Mantel, der arabische Segenssprüche enthielt. Diejenigen,
die
der arabischen Sprache mächtig waren, konnten da lesen:
„Möge
sich
der Kaiser guter Aufnahme, herrlichen Gedeihens, großer
Freigiebigkeit
und hohen Glanzes, Ruhmes und prächtiger Ausstattung und der
Erfüllung
seiner Wünsche und Hoffnungen erfreuen. Mögen seine Tage und
Nächte im Vergnügen dahingehen, ohne Ende und
Veränderung“
Er sprach
halt von
Kindheit an besser arabisch als etwa Latein oder deutsch.
Der
Mantel stammte
übrigens aus dem Jahre 528 nach Mohammed.
Der Papst
hielt
ihn für ketzerisch. Zum Beispiel lehnte er das Gottesurteil ab mit
der (logischen) Begründung, dass im Zweikampf immer der bessere
gewinne,
ob er nun schuldig war oder nicht. Friedrich II. empfand es hingegen
als
gotteslästerlich, dass der Papst in Prunk und Macht lebe, obwohl
Christus
Armut und Demut predigte. Ferner machte er sich recht unbeliebt bei dem
Klerus, indem er die auf Sizilien angesiedelten Sarazenen nicht mit
Schwert
und Feuer ausrottete, so wie es seinerzeit durchaus üblich war,
sondern
er erlaubte ihnen sogar, auf dem italienischen Festland Moscheen zu
bauen.
Außerdem nahm er sie in sein christliches Heer auf und bediente
sich
ihrer als Leibwächter.
Zunächst
dachte
er gar nicht daran, einen Kreuzzug zu unternehmen. Papst Gregor, der
mittlerweile
der aktuelle Gottesvertreter auf Erden war, nahm ihm das so
dermaßen
übel, dass er Friedrich kurzerhand bannte. Davon ließ sich
Friedrich
in keiner Weise beeindrucken. 1228 brach er zwar auf, aber es kam zu
keiner
einzigen Schlacht. Als Kind in Palermo hatte er die „arabische Art“
kennengelernt.
So zog er es vor, mit dem ägyptischen Sultan el- Kamil fünf
Monate
lang um Jerusalem zu handeln, wie es eben im Orient üblich war und
immer noch ist. Der Sultan lud ihn zu sich ein nach Jerusalem. Dort
verbot
Friedrich II. einem christlichen Priester den Aufstieg zum Tempelberg.
El- Kamil seinerseits untersagte dem Muezzin, zum Gebet aufzurufen aus
Rücksicht gegenüber dem Feind, den er wohl mehr als
Verhandlungspartner
sah. Daraufhin sagte Friedrich: “Ich habe in Jerusalem
übernachtet,
um dem Gebetsruf der Moslems und ihrem Lobe Gottes zu lauschen. “Im
Gespräch
mit dem Kalifen soll er gesagt haben, dass es nur logisch sei, nur
einen
direkten Nachkommen Mohammeds zum Kalifen zu erheben. Die Franken
hingegen
seien viel zu einfältig. Sie würden irgendeinen
Dahergelaufenen
zum Papst krönen, der nicht mal die entfernteste Verwandtschaft
mit
Jesus Christus
nachweisen könne!
Kein
Wunder, dass
die Sarazenen ihn lieben; er war ja einer von ihnen. Nur über sein
Aussehen spotteten sie; weil er recht früh kahlköpfig und
sehr
kurzsichtig gewesen sein muss, so dass man ihn noch nicht mal
hätte
als Sklaven verkaufen können!
Der Sultan
schätzte
ihn als Freund und übergab ihm Jerusalem mit der Bedingung, dass
der
Felsendom und die al- Aksa- Moschee in Besitz der Araber bleiben
sollte.
Beide Seiten der Bevölkerung betrachteten das als Hochverrat. Der
Patriarch von Jerusalem weigerte sich, Friedrich II. in der
Grabeskirche
zu krönen, da er ja noch gebannt war. Friedrich setzte sich
kurzerhand
die Krone einfach selber auf. Er nahm ohne jegliche Scham Geschenke
seiner
heidnischen Freunde an wie z.B. wilde Tiere, Juwelen und Sklavinnen,
mit
denen er sich ohne Rücksicht auf die jeweilige Ehefrau
begnügte.
Friedrich
II. war
extrem wissensdurstig. Berühmt wurde er auch als Verfasser eines
oft
gelesenes Falkenbuches(obwohl er auch viele andere Vogelbücher
geschrieben
hatte).Er entdeckte beispielsweise, dass Aasvögel gar nicht vom
Leichengeruch,
sondern nur durch den Anblick toten Fleisches angezogen werden.
Überhaupt
war er ein großer Tierfreund und hielt sich einen Zoo. Der beste
Beweis dafür war sein Auftreten anlässlich eines einberufenen
Reichstages zu Aquileja, da sein Sohn Heinrich VII. sich bei den
deutschen
Fürsten unbeliebt gemacht hatte. Er kam mit einem Gefolge,
begleitet
von Kamelen, Elefanten, Affen und Leoparden. Die Christenheit war
geschockt,
was Friedrichs Autorität keinen Abbruch tat. Beim zweiten Auftritt
zwei Jahre später zu gleichem Zwecke brachte er sogar eine Giraffe
mit, was die Europäer bis dahin noch nicht gesehen hatten.
Friedrich
II. bevorzugte
keineswegs europäische Damen. Sarazenerinnen waren ihm mindestens
genauso lieb, und nicht die Tatsache, dass er es mit allen trieb, die
Röcke
anhatten (oder auch nicht mehr) trug ihm später den Hass des
Vatikans
ein sondern, dass er sich nicht scheute, mit Heidinnen das Lager zu
teilen.
Und so erstaunt es auch nicht, dass Friedrich II. einen
wohlgefüllten
Harem besaß, was sicherlich nicht gottgefällig war. Nach
Zeugenaussagen
wurden diese von „vielen maurischen Eunuchen“ bewacht.(2) Des weiteren
ist es für Tanzgeschichtsinteressierten unter uns auch wichtig zu
wissen, dass zur Zeit der Kreuzzüge eben nicht nur wertvolle
Stoffe,
erlesene Schmuckstücke und neue fremdländische Gewürze
ihren
Weg nach Europa nahmen, sondern dass auch Sarazener-Tänzerinnen an
die mittelalterlichen Höfe kamen, die als Kriegsbeute ihre
Feudalherren
erfreuen sollten. So hielt sich Friedrich II. angeblich zur
Unterhaltung
und höfischer Zerstreuung zwei Sarazenertänzerinnen an seinem
Hofe(3).
Als 1235
eine Art
Judenprognom in Fulda stattfand, ergriff der Orient-Freund Friedrich
II.Partei
für die Juden. Er beruft Wissenschaftler, um die Frage des
„Ritualmordes“
zu klären. Dabei kam er zu dem Schluss:
“Es
ist strenggläubigen
Juden untersagt, mit Blut in Kontakt zu kommen!“ Also sprach der Kaiser
alle Juden von solchen Beschuldigungen frei und verbietet darüber
hinaus , jemals wieder eine solche unberechtigte Klage zu
erheben.(2)
Die
Zigeuner....
...waren
eine wandernde
Kaste der „Dom“, welche von Gaukeleien, Tanz und Musik lebten, und von
Indien aus über Afghanistan und die Türkei nach Europa kamen,
andere wiederum über Ägypten und Spanien.
Hatten sich
Zigeuner
(Roma, Sinti und andere) einmal in einer Kultur niedergelassen, so
nahmen
sie deren Volksmusik und –tanz auf und arbeiteten diese in ihr
Repertoire
ein.
Man kann
also nicht
sagen, dass Bauchtanz das Produkt einer einzigen Kultur oder eines
einzigen
Stammes ist. Er ist eine Mischform, getragen von einem Wissen, das seit
Jahrtausenden besteht und sich mit den historischen sozialen
Gegebenheiten
entwickelt hat. Eies ist jedoch sicher – seine Kraft und Ausstrahlung
hat
er über alle Zeiten bewahrt.
Quellen:
1
“Bauchtanz“ von Martha
2.
“Ritter, Mönch und Bauersleut “von Dieter Breuers
3.
“Halima“Fachzeitschrift für orientalischen Tanz, Ausgabe 3,
3.Quartal
99
4.
„Der Ruf der Großmutter-oder die Lehre des wilden Bauches“
v.
Rosina-Fawzia Al-Rawi
5.
„Die Schlange und die Sphinx“ von Wendy Buonaventura
6.
„Hinter den Schleiern des Islam-Erotik und Sexualität in der
arabischen
Kultur“ von Erdmute Heller und Hassouna Mosbahi „Bury me standing“
Isabel Fonseca
Der
Text ist eine freundliche Leihgabe der Tänzerin
Salma
Parvaneh
Falls
Sie Fragen haben, einen Workshop planen/ besuchen wollen
oder
weitere Infos benötigen, klicken Sie bitte auf den Namen der
Autorin.
Kontakt: salma.parvaneh@kdt.de
©
Salma Parvaneh
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