Orientalisches Tanzlexikon 


Sinti und Roma oder Zigeuner?

Die Sinti (Bezeichnung für die mitteleuropäischen Gruppen) leiten vermutlich die Herkunft ihrer Vorfahren von der Region Sindh in Nordwest Indien ab. (Pakistan). Die Bezeichnung Roma (Singular der Rom= Mann, Mensch) ist ein allgemeiner Sammelname außerhalb des deutschsprachigen Raumes und wird für Gruppen südosteuropäischer Herkunft gebraucht Sinti und Roma stammen aus dem nordwestlichen Indien und leben bereits seit über 500 Jahren in Europa. 
Viele Angehörige dieser Volksgruppe lehnen die Bezeichnung Zigeuner als diskriminierend ab.
 


Wurzeln
Die Wurzeln der Sinti und Roma sind bis zum heutigen Tage nicht eindeutig geklärt. Es wird seit dem 18. Jahrhundert vermutet, dass eine Verwandtschaft zur Sprache der Romani Sprache zu Dialekten der indoeuropäischen Sprache besteht.


Sinti und Roma sind für viele nur eine "nicht sesshafte Volksgruppe". Nur selten werden sie als ethnische Gruppe gesehen. Für uns wirkt ihr Lebensstil extravagant und hemmungslos. Menschen, die einen ähnlichen Lebensstil nachgehen werden als "Zigeuner" bezeichnet oder es wird ihnen das "herumzigeunern" unterstellt. Auch orientalische Tänzerinnen haben zum Teil heute noch den Status einer Zigeunerin, wie jeder Künstler. Die Ägypter haben die Gruppe der Tänzer  "ghawazi" (ägypt. Wort für Zigeuner) benannt.
Ghawazi sind demnach orientalische Profitänzer, die für Geld auf Festen tanzen.

 
 

Kultur und Gebräuche
Da die Sinti und Roma in alle Richtungen der Erde verstreut leben und durch viele Völker beeinflusst wurden sind auch die Sitten und Gebräuche verschieden. Es lassen sich aber im allgemeinen ein starkes Gruppengefüge, Traditionsliebe sowie eine Abkapselung von der Umwelt beobachten. Vermutlich hinduistisch- religiösen Ursprung hat die Auffassung, der Kontakt mit der Außenwelt sei "unrein". Man bleibt im allgemeinen lieber unter sich denn man spricht ja auch die gleiche Sprache, wenn auch mit anderen Dialekten (Romani). Die Lehnwörter sind nahezu identisch. Die Nationalitäten sind verschieden. Ein grundlegendes Unterscheidungskriterium für Sinti und Roma ist lediglich die Religion, die sie ausüben. Im allgemeinen haben sie die des Lebensraumes angenommen. Es gibt Katholiken, Orthodoxe und Muslime. 
Zur eigentlichen Landeskirche haben sie kaum Kontakt, da sie ihre eigenen religiösen Zeremonien und Traditionen, gepaart mit einer Hand voll Aberglauben, Übersinnlichem, Magie und Dämonen besitzen.


Die  "Nationen" sind in einzelne "Clans" unterteilt, die sich aus mehreren Familien gleicher Abstammung oder Vergangenheit zusammensetzen. 
Die Oberhäupter dieser Clans werden mitunter auch als "König" oder "Königin" bezeichnet. 
(auch "Zigeunerbaron") Mit diesen Titeln geht keine allgemeine politische Führungsrolle einher. Sie sollen lediglich Respekt, Achtung und Autorität bekunden. Häufig sind dieses die Ältesten der Familie. Alte Menschen sind Respektspersonen und werden voll integriert.
Die Familie und deren Ehre ist den Sinti und Roma sehr wichtig.


Im allgemeinen werden Heiraten abgesprochen. Zumindest wenn die zukünftige Ehefrau noch sehr jung ist. Die Familie des Bräutigams muss in einigen Clans noch den "Brautpreis" entrichten, um die Brautfamilie für den Verlust der Tochter zu entschädigen. Heiratspolitik um Familien zu versöhnen und Familienbande zu vertiefen sind die Regel. Der Moralkodex für Frauen ist streng: unverheiratete Mädchen dürfen nur in Begleitung einer Anstandsperson in der Öffentlichkeit auftreten.


Rechtsstreitigkeiten, zivilrechtliche Streitigkeiten und Fragen der Tradition, Zwistigkeiten zwischen Familien und Einzelpersonen werden in der Regel durch das claneigene Gericht entschieden. Eigene Gesetze und Regeln ermöglichen es den Sinti und Roma relativ frei von den Strukturen der jeweiligen Gesellschaft zu leben.


Traditionell sind Sinti und Roma häufig als Schmied für Vieh, Gold und Kupfer, Lederbearbeitung und Korbmacher sind klassische Zigeunerhandwerke.
Der besondere Bezug zu Pferden wird Ihnen von Altersher nachgesagt.


Am integriertesten ist die Volksgruppe heute in den weniger industrialisierten Regionen Südeuropas, auf dem Balkan und im Nahen Osten. 
Der Druck, die Traditionelle Lebensweise aufzugeben wird allerdings immer größer. Lagerplätze werden knapp. England verbot sogar das Aufschlagen von Lagerplätzen.

 
 

Geschichtlicher und volksbezogener Ausblick
Es gibt bei der Entstehung der Sinti und Roma zwei Vermutungen. Nach der ersten liegt es nahe, dass die Zigeuner (als nicht "Unberührbare")  am untersten Ende der indischen Gesellschaft lebten. Denkbar wäre auch, dass sie sich aus den Angehörigen mehrerer sozialer Schichten und Volksgruppen zusammengesetzt hätten.

Seit dem 5. Jahrhundert verließen die Sinti und Roma in mehreren Auswanderungswellen ihre vermutliche Heimat, Nordindien. Eine weitere Welle setzte im 11. Jahrhundert ein. Hier besteht vermutlich ein Zusammenhang zwischen  den Angriffen muslimischer Truppen in Indien.
Der Weg der Volksgruppe reichte von Nordindien über Persien nach Kleinasien in das byzantinische Reich.
Anfang des 14. Jahrhunderts zogen viel in Richtung Griechenland weiter.
Ihre Wanderung lässt sich an Hand von verschiedenen Worten der europäischen Dialekte auch im Romani wiederfinden. Einige Dialekte lehnen sich auch an Begriffe aus dem persischen, griechischen und kurdischen an. Die Volksgruppe hielt sich ca. 100 Jahre in Griechenland auf und verteilte sich dann  bis zum Ende des 16. Jahrhunderts über den gesamten europäischen Kontinent.

Im 16./17.Jahrhundert bildeten sich in fast allen westeuropäischen Ländern kleinere Gruppen des fahrenden Volkes.
Der Einfluss in ihrem Tanz reicht also über eine ganze Bandbreite volkstypischer Bewegungen.


Spanien
Während der maurischen Herrschaft waren Sinti und Roma freie Menschen. Mit deren Vertreibung um 1492 veränderte sich das jedoch stark. Ab 1499 bis 1733 wurden mehr als zwölf Gesetze erlassen, die das "Zigeunerleben" reglementierten. Sie betrafen Tracht, Sprache und Gebräuche. Der Verstoß gegen die Gesetze wurde unter Strafe gestellt. Ziel war die zwangsweise Anpassung des Volkes an spanische Sitten.


Frankreich
Die ersten französischen Gesetze hierzu gab es bereits 1539.  Sinti und Roma wurden zunächst aus Paris vertrieben. 1563 wurden sie in England unter Androhung der Todesstrafe gezwungen, das Land zu verlassen.


Ungarn und Rumänien
Hier gab es während des 17. Jahrhunderts die Leibeigenschaft. Erst 1855 wurden die Rumänischen Zigeuner befreit.


Russland
Zwischen den verarmten russischen Bauern des Zarentums und den Sinti und Roma herrschte hingegen kein Unterschied. Während der 500 jährigen türkischen Besatzung des Balkans genossen die Zigeuner die zum Islam übertraten Privilegien. In einigen jugoslawischen Republiken waren sie aber anderen Minderheiten gleichgestellt.


In Österreich wollten Maria Theresias und Josephs II. den Volksstamm zwangsweise zu Bauern machen.


Deutschland
Der preußische König Friedrich der Große (Friedrich II) gründete analog 1775-1837 ein "Zigeunerdorf" in Friedrichslohra (Großlohra, Kreis Nordhausen). 
Ziel war die "Umerziehung" des fahrenden Volkes zu sesshaften und staatsgetreuen Bürgern, was allerdings scheiterte. Ende des 18. Jahrhunderts setzte man auf "Wiedereingliederung" in die deutsche Gesellschaft und nicht die Vertreibung. Generell galten das Judentum und die ziganistische Kultur nicht als erhaltenswert. Es folgte im weiteren:


1899     im deutschen Reich setzte wiederum die Bekämpfung der Zigeuner ein.

1906     Preußen bildete eine »Zigeuner-Gesetzgebung«.

1935     Zigeuner und Juden galten als "Artfremde"  (Nürnberger Rassengesetze)  während des
              Nationalsozialismus.

1936     es erfolgte eine Zwangsunterbringung in Sammellagern während der 
              olympischen Sommerspiele in Berlin.

1938     herausbringen der Nazis des "Zigeuner- Grunderlass"

1939     mit dem Festsetzungserlass wurden die Zigeuner in Konzentrations- und 
              Vernichtungslager, Zwangssterilisationen deportiert.


Der "Auschwitz- Erlass" Himmlers von 1942 befahl die Tötung von ca. 500.000 Zigeunern in    Europa. Einsatzgruppen und Wehrmachtseinheiten folgten diesem Befehl auch in Osteuropa.
Im Nationalsozialismus wurden ca. 250 000 Sinti und Roma in Konzentrationslagern ermordet.


Kommunismus
Sinti und Roma werden in Ostblockländern auch heute noch zum Teil gesellschaftlich diskriminiert. 
Einige kommunistisch geführten Regierungen betreiben eine politische Zwangsassimilierung. Massive Menschenrechtsverletzungen wie Zwangssterilisation, Sprachverbot sowie schlechte soziale Bedingungen gibt es auch heute noch. Viele flüchteten und erhoffen sich durch z.B. das deutsche Asylrecht Schutz und eine Aufenthaltserlaubnis.


Roma und Sinti heute
Sinti und Roma schlossen sich Ende der 70`ger Jahre als Interessenverband zusammen. Seit 1982 existiert ein »Zentralrat Deutscher Sinti und Roma« , der sich für die Anerkennung als nationalsozialistisch verfolgte Volksgruppe sowie Reparationen bei der Bundesregierung einsetzt. (Anerkennung als Staatenlose, Recht auf Freizügigkeit, Bleiberecht in allen Staaten)


1995 wurden von der Bundesregierung mit der Unterzeichnung des "Europäischen Minderheitenschutzabkommens" (1997 vom Deutschen Bundestag ratifiziert) die Zigeuner als nationale Minderheit anerkannt. In Heidelberg gibt es seit einigen Jahren ein "Dokumentations- und Kulturzentrum" der Sinti und Roma.


Auf der Welt leben derzeitig ca. 12 Millionen Sinti und Roma. Viele findet man auf dem Balkan, speziell in Rumänien, Mitteleuropa und in den Nachfolgestaaten der früheren Sowietunjon. Ein geringer Teil lebt in Westeuropa, dem nahen Osten, in Nordafrika und in Nord- und Südamerika.
Roma und Sinti zerfallen in Gruppen, auch "Nationen" genannt und gehören die


Gitanos              -Spanien
Manouche          -Frankreich
Sinti                   -Deutschland.
Gypsies             -England
Tsiganes            -Frankreich
Czigani              -Ungarn 
Ghawazi            -Ägypten                 etc.


Deutschland beherbergt heute ca. 100 000 Zigeuner, wovon 60 000 bis 70 000 Sinti und 40 000 Roma sind. Ihre Konfession ist überwiegend katholisch. In südost- und osteuropäischen Ländern gibt es auch muslimische, griechisch-orthodoxe und russisch-orthodoxe Volksvertreter. Mit Ihrer Geschichte, Herkunft und ihrer Kultur befasst sich die Ziganologie (Tsiganologie).
Sie vereinigt in sich einen riesigen Schatz an Erzählungen, Märchen, Liedern und künstlerische, besonders musikalische, Fähigkeiten sowie handwerkliche Traditionen.


Quellen: 

1. CD-Rom: "Microsoft Encarta Enzyklopädie Plus 2000", Microsoft, 2000,
    Stichwort "Zigeuner"
2. CD-Rom: 1. Bibliographisches Institut & F.A. BrockhausAG,1999, Stichwort "Zigeuner"
3. Wendy Buonaventura, "Die Schlange vom Nil", nur über "Zweitausendeins", 6. Auflage 1997, Text und 
    z.B. S. 17, "Foto einer syrischen Musikerin mit Tamburin"
           S. 48, "Aquarell einer Türkischen Bayadere", um 1850
           S. 55,  Lithografie von Engelmann, "Tanz in Benisouf", um 1850



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